Wir sind Suchende
Warum der Mensch nicht aufhört zu fragen und warum wir unverbrauchte Wörter brauchen, um uns wieder zu verstehen. 

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Vorbemerkung: Der unbestimmbare Begriff als Werkzeug


Dieses Buch wird „Bedeutung“ nicht erklären. Es kann es nicht, und es sollte es auch nicht versuchen. „Bedeutung“ gehört zu einer kleinen Gruppe von Wörtern – „Wahrhaftigkeit“, „Freiheit“, „Geist“, „Sinn“ gehören ebenso dazu –, die sich nicht deshalb einer endgültigen Definition entziehen, weil noch niemand klug genug war, sie zu finden, sondern weil sie etwas anderes benennen als das, wofür Definitionen gemacht sind.
Ein Stuhl lässt sich definieren, weil er ein Ding ist, das an einem Ort feststeht. „Bedeutung“ ist kein Ding. Es ist ein Verhältnis – zwischen einem Zeichen und dem, der es liest, zwischen einem Ereignis und der Zeit, in der es steht, zwischen einem Wort und der Macht, die über seine Verwendung entscheidet. Verhältnisse lassen sich beschreiben, an Fällen zeigen, in ihrer Bewegung verfolgen. Definieren lassen sie sich nicht, ohne dass etwas Wesentliches an ihnen verloren geht.


Diese Universalität lässt sich an der Spannweite ablesen, die der Begriff selbstverständlich überspannt: Ein Lächeln, ein Augenzwinkern trägt Bedeutung, ebenso die Aufopferung von Eltern für ihre Kinder, ebenso die Selektion von Jungen und Mädchen in einer Gesellschaft, die Söhne braucht (vgl. Kapitel 4.1.3).


Dieselbe Bedeutung funktioniert im Kleinsten wie im Furchtbarsten – nicht weil sie überall dasselbe bedeutete, sondern weil sie überall auf dieselbe Weise entsteht: als Verhältnis, das trägt oder nicht trägt.
Darin unterscheidet sich Bedeutung grundlegend von Wert oder Werten: Ein Werturteil entscheidet, ob etwas richtig oder falsch, gut oder schlecht ist – Bedeutung entscheidet das nicht, sie stellt nur fest, dass etwas wiegt, ohne zu sagen, wie es zu wiegen wäre. Gerade weil sie nicht wertet, muss Bedeutung sich nicht zu einer festen Position verhärten, wie es ein Werturteil früher oder später tut. Sie bleibt flüchtig – und genau das macht sie für dieses Buch brauchbar, das selbst keine wissenschaftliche Ausarbeitung ist und keinen Beweis für oder gegen irgendetwas liefern will, sondern Bedeutung in unterschiedlichen Bildern zeigt, an denen sich sowohl der übergeordnete Sinn der hier versammelten Fälle als auch die gesellschaftliche Entwicklung ablesen lässt, die sie umgibt.


Das ist auch der Grund, warum Bedeutung in diesem Buch immer wieder relativiert werden muss, statt sich ein für alle Mal festzulegen. Bedeutung ist keine Weltformel – kein festes, einmal gefundenes Prinzip, das alles erklärt, wie es →Einstein dreißig Jahre lang vergeblich suchte (vgl. Kapitel 1.2.8 und Literaturverzeichnis).


Sie ist eher eine Wolke: ohne festen Umriss, die Form abhängig davon, von wo man sie betrachtet, nie ganz einzufangen. Jede endgültige Kontur, die man ihr geben wollte, wäre bereits eine Verfälschung ihrer eigentlichen Natur. Genau darin unterscheidet sich dieses Buch von seinem eigenen Gegenstand: Es sucht keine Weltformel für Bedeutung, sondern verfolgt eine Wolke, deren Umriss sich mit jedem neuen Fall verschiebt.
Genau diese Eigenschaft macht „Bedeutung“ zum tragenden Begriff dieses Buches – nicht obwohl, sondern weil er sich nicht auflösen lässt. Jede der folgenden Fragen – warum Menschen in Höhlen malten, in denen niemand lebte; warum ein Sprachmodell bei einem umkämpften Begriff keine Haltung einnehmen kann; warum politische Rhetorik heute lauter, aber unschärfer wird; warum Bildung mit Kompromissfähigkeit zusammenhängt; warum eine Marke mehr verkauft als ein Produkt – ist im Kern dieselbe Frage in verschiedener Verkleidung: Woran hängt Bedeutung, wenn sie hängen bleibt, und was geschieht, wenn sie es nicht kann?


Das Buch verfolgt eine Bewegung, nicht eine Definition. Es bringt „Bedeutung“ nicht zur Ruhe. Es zeigt, wo sie sich bewegt.
Das gilt auch für den Anspruch dieses Buches selbst. Wenn im Folgenden Höhlenmalerei, Sprachmodelle, politische Rhetorik, Bildungssysteme und Markenlogik über den Begriff „Bedeutung“ aufeinander bezogen werden, dann ist das eine Hypothese, keine bewiesene Ordnung.
Der Begriff wird hier benutzt, um diesen sehr verschiedenen Gegenständen eine gemeinsame, logische Bindung zu geben – nicht weil sich diese Bindung zwingend so und nicht anders herstellen ließe, sondern weil sie sich an diesem Begriff plausibel zeigen lässt. Andere Bindungen wären denkbar; andere Begriffe könnten an ihre Stelle treten. Das Buch behauptet nicht, die einzig mögliche Zusammenführung seiner Themen gefunden zu haben, sondern bietet eine an, deren Wert sich daran erweist, wie weit sie trägt – und die offenbleibt für den Einwand, dass sie an der einen oder anderen Stelle nicht trägt.